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Die Spur der Steine

Beitrag in der Zeitschrift MUH (s. Links)/Ausgabe Nr. 29 - Text: Ursula Klement

Ein Riesenschepperer – danach ist es für immer still. Es dauert nur ein paar Sekunden, um eine Lasterladung Kies in einem Garten abzukippen. Ein paar Sekunden – und der Garten ist kein Garten mehr, der Boden, der in Jahrtausenden entstanden ist, auf dem Rosen, Kopfsalat, Disteln, Himbeeren, Brennnesseln, eine Linde oder Gras wachsen könnten, ist zugeschüttet. Dieses Phänomen hat mittlerweile auch einen Namen, den ihm die gegeben haben, die es vor ihm graust: Es ist die Steinepest. Wo sie wütet, begräbt sie das Leben von Pflanzen und Tieren. Gestern Gartenparadies, heute Kieswüste.

 Gartenbesitzer sind sehr verschieden, und die Schere der Extreme geht immer weiter auseinander: Auf der einen Seite die passionierten Gartler, die 150 verschiedene Sorten Pfingstrosen hegen und mit allen Neuheiten aus den Staudengärtnerkatalogen vertraut sind. Auf der anderen Seite die wachsende Zahl von Gartenbesitzern, die ihre Vorgärten, Beete und Grünflächen mit Kies zuschütten lassen.

Eine Inspektion im südlichen Landkreis Neu-Ulm bestätigt den Trend. Mit dabei sind Rudolf Siehler, Kreisfachberater für Gartenbau und Landespflege am Landratsamt Neu-Ulm und der Biostaudengärtner Dieter Gaißmayer. Gemeinsam mit ein paar Mitstreitern haben sie vor drei Jahren in Illertissen die Initiative „Entsteint Euch!“ gegründet, die den Steingärten den Kampf ansagt. Rudolf Siehler ist mit einem ausgesprochen sonnigen Gemüt ausgestattet, aber bei diesem Thema wird sogar er verhältnismäßig grimmig: „Feindlicher ist da nur noch zuteeren. Wenn man’s noch steigern will, dann wär’s die Makadam-Decke.“ Dass Dieter Gaißmayer etwas gegen Kiesschüttungen im Vorgarten hat, liegt auf der Hand, denn ein Staudengärtner verkauft keine Steine, sondern Pflanzen. Aber die Entwicklung, das merkt man, macht ihm auch ganz persönlich Kummer. Im Vorbeifahren deutet er aus dem Autofenster. „Hier sind ganz viele Flächen, wo ich noch weiß, da waren mal Pflanzen drin – die sind jetzt geschottert. Ich fahr diese Straße seit 30 Jahren und erlebe mit, wie da ein Garten nach dem anderen rausfliegt.“

In einer Durchgangsstraße mit Doppel- und Reihenhäusern kann man die Gartengestaltungstrends der letzten 20 Jahre auf einen Blick erfassen. Die älteren Häuser haben grüne Vorgärten mit Stauden und kleinen Bäumen vor der Tür. Je neuer die Häuser werden, umso mehr verschwindet das Grün. Die zuletzt gebauten haben in den Vorgärten nur noch mittelgrauen Schotter und auf dem Treppenabsatz jeweils einen Blumentopf. In einem Neubaugebiet ein paar Straßen weiter sticht ein Grundstück heraus. Darauf steht ein edles Haus mit Lärchenholzfassade, der Garten davor ist völlig zweidimensional: Ornamenthaft geschwungene Rasen- und Schotterflächen, kein Baum, kein Strauch und keine Staude ragt in die Höhe. Der Zaun ist aus verzinktem Stahl, an der Haustür steht „Willkommen“ in 15 verschiedenen Sprachen. Dabei sieht alles nach „Bleib bloß weg“ aus.

Es gäbe unendlich viele Beispiele. Die Steinepest grassiert landauf landab. Einer, der davon profitiert, ist Frank Allgaier vom Erdbauunternehmen Allgaier GmbH in Burlafingen bei Neu-Ulm. Seine Firma baggert Kies, hebt Baugruben aus, bricht Häuser ab und transportiert Sand, Steine und Bauschutt. Die Nachfrage sei bei ihm zwar derzeit leicht rückläufig, sagt der Unternehmer, aber es riefen weiterhin regelmäßig Gartenbesitzer an, die ihre Flächen kiesen lassen wollen. Für unschlüssige Kunden hat Allgaier 50erlei Gläser mit Mustersteinen in seinem Büro. „Und wenn die sich das trotzdem nicht vorstellen können, dann sag ich, komm, fahren wir ins Kieswerk und schauen uns das vor Ort an.“ Der Trend gehe im Moment zu kantigen, dunklen Steinen, so Allgaier. Vor ein paar Jahren noch war eher rund und hell gefragt, „aber das ist ganz individuell.“  

Die meisten der Steine kommen aus der Region, manche aber auch bis aus China, sind Handelsware. Frank Allgaier, man mag es verstehen, bremst keinen Gartenbesitzer, der seinen Vorgarten unter einer Kiesschüttung begraben will. Es sei halt pflegeleichter so, eine Zeitersparnis; die Leute hätten ja sonst genug am Hut. „Drum hab ich da keine Skrupel. Es ist ja trotzdem noch grün im Garten.“

Damit meint der Unternehmer wohl den einsamen Buchsbaum, die in Form geschnittene Thuja oder die vor sich hin vegetierenden Gräser, die sich da und dort in den Kiesschüttungen finden, als Accessoires neben Findlingen, Granitstelen, rostigen Eisenvögeln und Glaskugeln.

Die Natur hat von solchen Arrangements selbstverständlich gar nichts, sagt der Gartenbauberater Rudolf Siehler. Die wenigen Pflanzen, die in den Kiesschüttungen leben, sind meist immergrün und bilden keine auffälligen Blüten. So sieht so ein Kiesgarten das ganze Jahr über gleich aus. Nur wenn Schnee drauf liegt, erkennt man eine Jahreszeit. „Bienen, Hummeln, Schmetterlinge – da gibt’s in solchen Gärten nichts“, so Siehler. „Dabei ist der Garten vor der Haustür für viele Kinder heute die wichtigste Verbindung zur Natur.“

Die Kiesflächen sehen tot aus, und sie sind es auch. Wo es keine Insekten und keine Samen gibt, kommen auch keine Vögel. Und weil unter den meisten Kiesschüttungen Folien, Vliese oder Netze liegen, damit kein Unkraut durchkommt, gibt es auch kein Bodenleben. Darüber hinaus verdichtet das Gewicht der Steine den Boden dermaßen, dass den Regenwürmern, Springschwänzen und anderen Bodentieren schnell die Luft ausgeht. Und schließlich, erklärt Rudolf Siehler, wird dann auch noch die unter dem Kies verbliebene Humusschicht abgebaut; dabei werden pro Hektar bis zu 200 Kilogramm an Stickstoff frei, der ins Grundwasser ausgeschwemmt wird, weil es keine Pflanzenwurzeln gibt, die ihn aufnehmen könnten.

Die Kiesflächen heizen sich auf, auf ihnen kann man nicht Fußball spielen, nicht Kaffee trinken. Nicht Unkraut hacken und nicht einmal Spritzmittel einsetzen. Denn Kiesschüttungen gelten nicht als gärtnerisch genutzte Fläche, chemische Pflanzenschutzmittel sind dort verboten. Wenn man weiter überlegt, was man auf Kiesflächen alles nicht machen kann, merkt man erst, wie viele Sachen man im Garten machen kann: Blumensträuße pflücken, einem Spatzenstreit zuhören, an einer Rose riechen, Salbeiblätter für den Tee ernten, Baumhäuser bauen und Heckenhöhlen, Tomaten ernten, Junikäfer vor dem Ertrinken retten, Fuchsienblütenknospen knallen lassen, Himbeeren pflücken, nachts mit der Gartenschere auf Schneckenjagd gehen, Haselnusssträucher umsägen, Brennnesseljauche ansetzen, Kompost ausbringen, mit der Nachbarin über Clematissorten schwätzen, eine Vogelscheuche aufstellen, Hasen halten und im Schatten liegen.

Was treibt Hausbesitzer dazu, aus ihrem Garten eine Kieswüste zu machen? Das häufigste Motiv: Sie wollen keine Arbeit mit dem Garten haben. Kein regelmäßiges Jäten, Mähen und Zurückschneiden müssen. Und trotzdem soll alles schön ordentlich aussehen. Und ordentlich gekiest ist eben auch ordentlich.

Doch auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint: Auch eine tote Kiesfläche braucht Pflege. Denn irgendwann schlagen angeflogene Unkrautsamen Wurzeln und breiten sich aus. Der edle weiße Marmorschotter wird mit der Zeit hässlich grau und fleckig. Da ist guter Rat teuer. In einschlägigen Internetforen wird empfohlen, die Steine nass zu spritzen, Waschmittel drauf zu streuen und sie mit dem Schrubber abzubürsten. Eine anderer Vorschlag: Chlorhaltigen Toilettenreiniger auf die Steine sprühen und einwirken lassen oder sie einfach mit weißer Fassadenfarbe übermalen. Es soll sogar der Tipp kursieren, alles mit Benzin zu übergießen und abzufackeln, die Kiesschicht quasi auszubrennen. Abgesehen davon, dass so das nicht erlaubt ist – für das Grundwasser ist es verheerend.

Eine falsche Vorstellung darf man nicht haben: Es sind nicht nur die aufs Dorf gezogenen Vorstädter, die kiesen statt garteln. Es sind auch die Bauerntöchter und Musikvereinsvorstände und die hiesigen Häuslbauer. Dieter Gaißmayer sieht die Gartenkultur in der Breite bedroht. „Das ist, glaub ich, die Krux an der Sache: Es hat einen Generationenbruch gegeben, wo man es nicht geschafft hat, die Jungen an Pflanzen und an Gärten heranzuführen. Die haben zum Teil überhaupt keinen Bezug zum Garten und können gar nichts dafür!“

Wer durch die Dörfer fährt, sieht, dass die Steinepest ansteckend ist. Fängt ein Gartenbesitzer an, seinen Vorgarten zu kiesen, ziehen andere nach. Kies in der Horizontalen und Kies in der Senkrechten, als Gabionenfüllung in Drahtkörben und -kästen, Kies im privaten Hausgarten und Kies auf öffentlichen Flächen, die früher „Grünflächen“ hießen.

Die Not ist groß. Aber wie kann man die noch bestehenden Gärten retten?

Einen Vorstoß könnten die Kommunen machen und gekieste Flächen bei der Niederschlagswassergebühr als versiegelte Flächen werten, aber nur unversiegelte, begrünte Flächen begünstigen. Oder in den Neubaugebieten nicht nur Vorschriften zu Dachneigungen und Zaunhöhen machen, sondern auch über das Anbringen von Pflanzen, so der Vorschlag von Dieter Gaißmayer: „Das muss ein bisschen Druck geben bei Bebauungsplänen, dass man sagt: Solche Kieswüsten, so was kann man nicht zulassen, das geht nicht. Bei uns gibt’s hunderte Vorschriften, wie man bauen darf – da muss es doch auch eine Rolle spielen, wie das Drumherum einer Bebauung gestaltet wird.“

Die Gemeinden Neuburg am Inn und Fürstenzell im Landkreis Passau versuchen, Häuslbauer gleich im Vorfeld davon abzuhalten, dass sie ihren Garten zukiesen. Sie legen seit Neuestem jedem Bauantrag ein Infoblatt mit der Überschrift „Retten Sie ihren Vorgarten“ bei. Dort werden ökologische Zusammenhänge kurz erklärt und Informationen geliefert, wie man pflegeleichte Blumenwiesen anlegt.

Klar ist freilich: Man kann einen Garten ansprechend naturnah und zugleich pflegeleicht gestalten. Es müssen nur die richtigen Pflanzen an den richtigen Ort. Dazu braucht man kaum Geld, aber das nötige Wissen. Wer weder Gartenmagazine abonnieren oder Gartensendungen schauen noch dicke Bücher wälzen will, kann sich beim Pflanzenkauf in der Gärtnerei beraten lassen. Er kann beim Fachberater für Gartenbau im Landratsamt nachfragen oder zum Beispiel die Gartenakademie in Veitshöchheim aufsuchen, im Internet oder gleich persönlich zu einem Seminar. Dort gibt es übrigens auch Anleitungen, wie man mit Kies Gärten und keine Wüsten anlegt. In richtigen Kiesgärten, die den Namen verdienen, sieht man nämlich den Kies vor lauter Pflanzen nicht. Aber die diesbezüglichen Informationsangebote der Gartenakademie sprechen eher ambitionierte Hobbygärtner an, die an den letzten Feinheiten ihrer Gartenlandschaft arbeiten. Nicht die, die gerade mit dem Gedanken spielen, ihren Vorgarten vollkommen pflanzenfrei zu machen und bereits Frank Allgaiers Mustersteingläser im Auge haben.

Das Landwirtschaftsministerium und das Umweltministerium in München fühlen sich nicht zuständig für die Steinepest-Prophylaxe.

Aber die unteren Ebenen kämpfen. Graswurzelbewegung. In den Landkreisen führen die Kreisfachberater durch naturnahe Mustergärten, halten Vorträge, und reden sich am Telefon den Mund fransig, um die Hausgärtner auf dem Pfad der Tugend zu halten. Mantraartig beten sie ihre Argumente her: Die Folie verhindert nicht, dass nach ein paar Jahren doch das Unkraut kommt. Kiesschüttungen machen auch Arbeit. Weiße Steine setzen mit der Zeit Algen und Flechten an. Wer auf die richtigen Pflanzen setzt, hat auch nicht mehr Arbeit mit dem Garten als mit der Kiesschüttung. – Und manchmal erzielen sie kleine Erfolge, wie der Fachberater Rudolf Siehler. Er bildet unter anderem engagierte Hobbygärtner zu Gartenpflegern fort, die dann dazu beitragen, daheim in ihren Dörfern die Gartenkultur hochzuhalten. Diese Gartenpfleger hätten in den letzten Jahren schon so manche Kiesflächen verhindert, weiß Siehler zu berichten.

Die Obst- und Gartenbauvereine und Landkreise prämieren unter anderem den schönsten Hausbaum, den schönsten Fensterschmuck und den artenreichsten Garten, um die guten Beispiele als Vorbilder hervorzuheben. Doch diese Wettbewerbe gibt’s schon seit Jahrzehnten, „genützt hat alles nichts“, resümiert Dieter Gaißmayer frustriert. Jedem Gartenbesitzer müsse doch eigentlich klar sein, dass er mit seinem Privatgarten einen Beitrag für die Gesellschaft leistet. „Ein Garten, an dem andere Leute teilhaben können und neigucken, ist ein gesellschaftlicher Beitrag!“

Damit es in Zukunft wieder überall sprießt, blüht, wuchert, wurzelt, summt, zwitschert, flattert, fiept, piepst und schmatzt, wo es derzeit höchstens knirscht.